Stopover in Vancouver

Vier Uhr nachts. Jetlag. Schlaflos. Es ist ruhig hier, kaum mal ein Auto, der Regen fällt still und ohne viel Aufhebens zu machen. Nur ein paar gänsegrosse Möwen rauschen unvermittelt im Sturzflug am Fenster vorbei. Wenn man sich hinausbeugt, kann man die English Bay sehen.
Seltsam, wie sich ein Image hält. Das Sylvia Hotel, graue Steinquaderfassade mit Efeu, wird lobend in allen Reiseführern erwähnt, mit einem leichten Seufzer im Unterton. Zwar gibt es kein Frühstück, dafür zerschlissene Bettwäsche, Cola aus dem Automaten und einen Fahrstuhl zum Fürchten. Aber es hat das, was Nordamerikaner "Charakter" nennen. Und vor allem, es liegt im Westend von Vancouver, wo man wohnt, wenn man Single und/oder Yuppie ist, es sich also leisten kann: gleich neben dem Stanley Park, mit Blick auf die English Bay, und praktisch obendrein, in Laufnähe zur City nämlich.
Dummerweise, wie so oft bei begünstigten und daher begehrten Lagen, müssen sich allzuviele in dieses Glück teilen. So gibt es allerhand Hochhäuser hier, mit vielen kleinen Appartements. Inzwischen hat kaum noch einer den Blick auf die Bucht; die meisten sehen eigentlich nur, was der Fremde im achten Stock gegenüber, kaum zwanzig Meter Luftlinie entfernt, hinter seinem Panoramafenstern so treibt. Vorhänge sind Mangelware.
Allmählich wird es heller über der Bay. Der Regen hat nachgelassen, vielleicht sogar aufgehört. In den Pfützen spiegelt sich eine nutzlos blinkende Fussgängerampel. Niemand braucht sie. Im Haus gegenüber rührt sich nichts. Keiner geht ins Bad, keiner macht Licht. Niemand zu sehen. Alles schläft.
Ist heute Sonntag? So ein Jetlag wirkt wie Kleister auf das Hirn. Es ist nicht Sonntag. Es ist Mittwoch. Wieso steht niemand auf? Es ist gleich sieben Uhr, irgendwer muss hier doch zur Arbeit gehen? Warum fährt kein Auto? Wieso ist das Hotel so still?
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