Die Steuerprüfung


Von Gert Richter

Ein anderer Mann, nennen wir ihn Oleg, ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich weiß seinen Namen nicht, er hatte auch kein Gesicht - Oleg und ich näherten uns in einem alten, flachen, nicht mehr ganz dichten Boot einem Haus, das von einer hohen Mauer umgeben dicht am Ufer stand. Wir paddelten langsam über den See, vorsichtig, um nicht naßzuwerden. Als wir näherkamen, sahen wir, daß die Mauer schon ein bißchen verfallen war; der gelblichbraune Putz bröckelte an vielen Stellen ab, Steine waren oben herausgefallen. Aus einer grauen Holztüre kamen zwei Schwarze und schauten uns zu, wie wir auf sie zusteuerten. Einer hatte ein schmutzig-rotes T-Shirt an und Shorts, die ihm knapp bis über die Knie reichten. Der andere trug verschlissene Jeans und eine braune Weste. Wir paddelten auf sie zu, und als wir auf das Ufer aufliefen, kamen sie näher, um uns zu helfen. Sie zogen das Boot vorn auf den Strand. Dann traten sie erwartungsvoll zurück, bis wir ausgestiegen waren und ich meine Aktentasche aus dem Boot genommen hatte - ein abgewetztes Stück, flach, mit einem Metallschloß, wie sie heute nicht mehr gebräuchlich sind. Mein Großvater hatte so eine Tasche gehabt.

"Steuerprüfung," sagte ich knapp, und die beiden Schwarzen erstarrten. Als ich eine Handbewegung machte, nur eine leichte, als hätte sich eine Fliege auf mein Handgelenk gesetzt, traten sie erschreckt zurück, um uns den Weg durch eine Lücke in der Mauer ins Haus freizumachen.

Ich genieße diesen Moment immer, wenn ich "Steuerprüfung" sagen kann. Man braucht es nicht laut zu sagen. Einfach so: ohne Nachdruck, ohne große Betonung. Es wirkt immer. Es ist, als ob man in der Kirche an der Orgel sitzt, oben auf der Empore, niemand sieht einen, und man wählt, unhörbar, die Register: Gedackten Bass, Bordun, Principal, ein paar Mixturen; du hast die Finger über den Tasten, einen Es-Dur-Akkord, du atmest ein und drückst leicht, ganz leicht die Tasten nieder: Da ist nur noch der Klang, keiner kann etwas anderes denken in diesem Moment, sie werden überspült wie von einer Woge, und du hast doch nur ganz sacht gedrückt, kaum spürbar. Und dann hebst du die Finger von den Tasten, und der Nachhall ist noch da und bleibt und verebbt erst ganz allmählich und du weißt, du hast sie alle, alle im Griff.

"Es ist niemand da," sagte einer der Schwarzen, aber ich beachtete ihn nicht weiter. Das sagen sie immer. Oleg und ich gingen an die Haustür. Wir paßten auf; das kann gefährlich werden, manchmal warten sie nur darauf, daß man hereinkommt, und dann greifen sie an. Ich stieß die Tür auf, wartete, lauschte - und dann ging ich rein, mit drei schnellen Schritten. Ich schaute mich rasch um, hinter die Tür: da war wirklich niemand. Oleg kam auch herein.

Es ist immer dasselbe Gefühl, seit damals, als ich ein Kind war, sieben Jahre alt, im Keller des Mietshauses, in dem wir wohnten. Ich wollte mein Fahrrad holen und spielen gehen. Man mußte die Treppe hinunter, an einem muffigen, dunklen Winkel vorbei, in dem einer lauern könnte - den Gang entlang, links an der eisernen Fahrstuhltür vorbei, an die ich immer mit der Faust schlug, dem kleinen roten Licht "Auf" und dem weißen Druckknopf drunter, den Gang entlang bis zur Panzertür des Luftschutzkellers - ich stockte. Die Tür war nicht zu wie sonst. Sie war offen, irgend jemand war drin hinten im Kellerlabyrinth, ohne Licht gemacht zu haben. Ich hörte seine Schritte.

Plötzlich ging die automatische Treppenhausbeleuchtung aus, der Zähler tickte noch ein paarmal, dann war es still - und ich war sieben, acht Meter vom Lichtknopf entfernt. Es war absolut dunkel, absolut still, ich hielt den Atem an - da war jemand, ich war sicher, da war jemand, die Angst stieg mir siedend heiß die Kehle hoch, was tun - Ich atmete ganz leise, ganz flach, nur kein Geräusch machen, nur nicht verraten, wo ich bin, horchen, wo er ist... Plötzlich rannte ein Schatten auf mich zu, eine Gestalt an mir vorbei, durch den Gang zur Gartentür, auf und raus. Krachend fiel die Tür ins Schloß. Ich weiß bis heute nicht, wer es war. Ich stand da, naß vor Angst, tastete mich zum Lichtknopf vor und schlich mich fort.

Wir durchsuchten ein Zimmer nach dem nächsten, Oleg und ich. Ich weiß noch, daß ich in einem Kriminalroman gelesen hatte, daß man sich in einer Hechtrolle in ein Zimmer werfen soll, in dem man einen Angreifer vermutet, aber dabei wäre ich mir lächerlich vorgekommen. Mit der Zeit bekommt man auch ein Gefühl dafür, ob wirklich niemand da ist oder nicht.

Die Schwarzen folgten uns in respektvollem Abstand. "Es ist niemand zu Hause," sagten sie noch einmal. "Der Chef kommt erst in einer Stunde wieder!" Inzwischen hatten wir das gesamte Haus durchsucht und waren in einer Art Salon angelangt. "Wir werden warten," sagte ich, und wir setzten uns an den Tisch, oval, für sechs bis acht Personen, mit einer gelblichen Spitzendecke darauf und einer Porzellanschale in der Mitte. Bequeme Stühle hatten sie hier. Angenehm.

Wir hörten sie kommen: Das Motorengeräusch, Leerlauf, abstellen, Türen zuschlagen. Es dauert immer viel länger, als man meint. Eine der Türen klappte nochmal nach. Schritte, dann tuschelnde Stimmen. Die Schwarzen waren ihnen entgegengegangen und hatten sie von unserer Anwesenheit in Kenntnis gesetzt. Eine laute, unwillige Stimme, herrisch, dann energische Schritte, draußen wurde etwas hingestellt, man kennt das schon, jetzt betrachtete er sich im Spiegel und atmete nochmal tief ein. Die Tür ging auf, und er trat ein in seinen Salon.

Sie sind immer indigniert, anfangs. "Sie wünschen?" fragte er. Ich weiß noch, daß er Wanneck hieß. "Sie wünschen?" fragte Wanneck von oben herunter.

"Sie stellen uns - ," sagte ich langsam und leise und betrachtete meine Finger, "Sie stellen uns jetzt einen Raum zur Verfügung. Mit Schreibtisch und Stühlen. Und dorthin bringen sie alle Aufzeichnungen über Ihre finanziellen Transaktionen der letzten drei Jahre."

Wanneck schaute mich entgeistert an, und ich hob den Blick und schaute ihm in die Augen. "Jetzt," sagte ich. "Sofort."

Wanneck war sprachlos. "Sie meinen..." Er suchte nach Worten und schaute sich unsicher nach seiner Frau um, die gerade eintreten wollte und unter der Tür stehengeblieben war.

"Ja," sagte ich. "Steuerprüfung. Sie wissen, was das heißt."

Am schönsten ist es, daß man dabei ganz leise bleiben kann. Und freundlich. Ich lächle immer dabei und schaue ihnen in die Augen, als machte ich ihnen ein Geschenk. Manchmal wird mir ganz warm dabei.

Sie haben ja auch immer was zu verbergen, diese Schweine. Sie tun nur so, als ob. Ich finde immer etwas, immer. Keiner kommt mir aus. Sie brauchen sich gar nicht so anzustellen und unschuldig verfolgt zu tun. Auf meiner Seite ist das Recht. Auf meiner. Sie sind gar nichts. Nichts sind sie. Sie schulden mir etwas, mir, dem Staat und mir als seinem rechtmäßigen Vertreter. Also tut mir nicht so, ihr - sie kommen mir immer vor wie Fliegen; nicht gefährlich, sondern einfach lästig und irgendwie nicht auszurotten. Ekelhaft, das.

Wanneck wich meinem Blick aus. Er wandte sich herrisch um. "Ist die Bibliothek frei?" fragte er. "Mach Platz da drin und führe die Herren hinein. Und du," wandte er sich an den anderen im roten T-Shirt, "du kommst mit mir ins Büro."

Die Schwarzen zögerten und schauten uns an, ob wir damit einverstanden wären. Aber wir reagierten nicht. Ich lächelte nur leise. Sie blieben stehen. Wir hatten das Kommando übernommen, und sie wußten das. Wanneck war tot.

"Darf ich Ihnen etwas anbieten in der Zwischenzeit?" fragte er. "Kaffee vielleicht, oder etwas anderes? Meine Frau kümmert sich darum, ja? Ich hole dann die Unterlagen." Seine Stimme war eine Quarte zu hoch, und er sprach leise und rauh. Wanneck war tot, und er wußte es, seine Frau wußte es, seine Angestellten wußten es. Mit einem nervösen Räuspern wandte er sich zum Gehen, und ich fühlte mich rundum strahlend und gut.

Ich weiß noch, daß ich wie gelähmt war beim Aufwachen und dachte, jetzt bist du nicht mehr ganz dicht. Aber es hatte sich einfach toll angefühlt.