Nicht ohne meinen Leihwagen


The Car

Ein Auto zu mieten ist eigentlich keine große Affäre. Normalerweise geht der Herr Autovermieter ans Fenster, schaut auf den Hof, und wenn da ein Auto steht, vermietet er es. Meistens ist es aber ein Fräulein Autovermieterin in einer rotgelbblauen Uniform à la Stewardess. Die schaut dann nicht aus dem Fenster, sondern auf ein Brett mit vielen Haken für die Autoschlüssel; hängt da noch einer, bekommt man sein Auto. So einfach geht das.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist das durchaus nicht so einfach. Madame ist liebreizend und hilfsbereit. Hinter uns, deutet sie mit der Stricknadel, sei ein "courtesy phone" für kostenlose Anrufe bei diversen Autoverleihern. Die Nummern stünden an der Tafel. So ist es auch, und ich gehe also hin und wähle und warte. Es dauert ein Weilchen; irgendwann meldet sich dann ein nachtschlafener Operator, ein paar tausend Meilen und etliche Zeitzonen von Hawaii entfernt, und fragt nach meinem Begehr. Ob es denn noch einen Leihwagen für mich auf Maui gäbe, will ich wissen. Moment bitte - tipp tipp tapp klappert die Tastatur seines Computers, eine blecherne Melodie wird eingespielt, warten... düdelüdel... bitte warten... und dann ist er wieder da: "I'm sorry, wir haben nichts frei!"

Na gut. Noch mal das gleiche Spiel mit der nächsten Nummer: 800-ALAMO oder so ähnlich. Wie schön, daß man hier auch Buchstaben wählen kann. Und plötzlich ist man in Chicago, San Francisco oder wo auch immer, nur nicht hier oder auf Maui. Bitte warten...

Wieder nichts. Kein Problem, Rent-a-car-Firmen gibt es reichlich. Tuuuut - tuuuut - tuuuut: Bitte warten...

"Je mehr auch die Verwaltung sich durch die Technik der schematischen und mechanischen Tätigkeiten entledigt, um so mehr gewinnt sie an ideellen und schöpferischen Werten. Ihre Kräfte werden dann frei für ihre wirklichen Aufgaben, die in der Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft ihren Höhepunkt finden. Ist das nicht phantastisch?"

Aber klar doch. Das ist mehr als phantastisch. Und wer sagte diese wunderbaren prophetischen Worte? War es Schopenhauer? Shakespeare? Schiller? Nichts da, Max Zacherl war's , der Begründer der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung des Bürokratismus, im Jahre des Herrn 1948, voller Begeisterung über die kolossalen Möglichkeiten der Lochkarte. Nie gehört? Kennen Sie nicht? Na sehen Sie mal! Was der wohl heute macht?     

Aber die Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft findet hier und heute ihren Höhepunkt in der wiederkehrenden Auskunft "I'm sorry! Nix frei!" Und zwar, um noch eins draufzusetzen, die ganze nächste Woche nicht.

So kann es gehen: Da steht man nun in Honolulu und kriegt keinen Leihwagen. Nicht einen einzigen, nicht mal für drei Tage. Und wer sagt einem das? Der Computer sagt einem das. Eine stumpfsinnige, hirnlose Maschine mit Bildschirm sagt einem das. Die sechste Generation der Lochkarte. Ist das nicht phantastisch, Herr Zacherl? Haben Sie sich das so vorgestellt? Von wegen "Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft". Ha! Dass ich nicht lache!

Nach einer halben Stunde bin ich so sauer, daß ich nicht mal mehr deutsch kann, geschweige denn englisch. Meine Liebste, die noch relativ frisch ist, probiert es mit der zweiten Hälfte der Autoverleiher an der Reklamewand. Aber auch sie hat kein Glück.

Woran denn das nur liegen könnte? fragen wir Madame entnervt, nach einer guten Stunde vergeblicher Telefonate. Sie legt ihren Strickstrumpf beiseite und denkt nach: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig - "Oh," strahlt sie uns mit runden Augen an, und ein kleines gelbes Birnchen geht an über ihrem Kopf: "Mais oui, wir 'aben eine Big Convention 'ier!"

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