Aufstieg zum Kilimandjaro
Text und Bilder von Manfred Jakob



Dies ist ein Ausschnitt aus dem Tourtagebuch von Manfred Jakob, in dem der Aufstieg auf den Gipfel geschildert wird. Das komplette Tagebuch (39 Seiten) mit vielen wissenswerten Reisetipps - von der Vorbereitung bis zur Safari in der Serengeti - können Sie als PDF-File hier herunterladen.

Gegen 23.30 Uhr werden wir geweckt. Draußen ist alles weiß. Es hat wieder kräftig geschneit. Wir machen uns fertig für den Aufstieg. Es gibt noch einmal heißen Tee und Kekse. Ich bin sehr aufgeregt, aber ich denke, den anderen geht es ähnlich.
Gegen 0.30 Uhr beginnen wir mit dem Aufstieg. Wir sind mal wieder die letzten. Ein letztes Mal sagt uns Frank H. seinen Lieblingsspruch, der sich im Endeffekt auch bewahrheiten sollte: „Erst am morgen werden die Schafe gezählt! Denn nachts kommt der Wolf!" Wir schalten unsere Taschenlampen ein und gehen ganz langsam im Gänsemarsch durch das zunächst flache aber ständig steiler werdende Geröllfeld. Vor uns erkennen wir mindestens drei Gruppen in einer Lichterprozession den Berg in Serpentinen hinaufsteigen. Der Weg zieht sich endlos lang wie Kaugummi. Ich starre nur auf die Füße meines Vordermannes. Beim ersten Schritt atme ich ein, und beim nächsten wieder aus. Dabei denke mich mir im gleichen Rhythmus die folgende Litanei, die mich den ganzen Weg nach oben begleitet: „Ich schaff den Gipfel!"; Schritt nach vorne; einatmen; „Ich bin stark!"; anderer Fuß nach vorne; ausatmen.
Edwin geht vorne weg und bestimmt das Tempo. Bereits im ersten Drittel überholen wir die „Gänsemarsch-Gruppe", die immer wieder wegen Höhenkrankheits- symptomen anhalten müssen. Frank H. kann es sich beim Vorbeigehen nicht verkneifen, sein obligatorisches „Morgens werden die Schafe gezählt!" auszusprechen. Wir erreichen Mayer's Cave in etwa 5.200 m Höhe und machen hier eine kleine Rast. Irgendwo auf dem Weg kurz vorher lag ein Schild mit der Höhenangabe 5.000 Meter. Frank H. und Frank S. sind riesig enttäuscht, da ihre Uhren mindestens 150 Meter mehr anzeigen. Sie justieren ihre Uhren zurück. Das ist nicht so einfach, mal eben 150 Höhenmeter in diesem steilen Gelände zu verlieren.
Im nächsten Teil des Aufstieges, der immer steiler und anstrengender zu werden scheint, kommen wir an einer jungen Frau und ihrem Guide vorbei. Die Frau hat sich gerade übergeben und sieht auch nicht gesund aus. Ich weiß nicht, ob sie weiter gegangen ist. Wir steigen jedenfalls weiter auf, von absoluter Dunkelheit umgeben. Über uns nur ein sternenklarer Himmel. Immer wenn ich mal nach oben schaue, komme ich sofort aus meinem Rhythmus und ich drohe, das Gleichgewicht zu verlieren. Deshalb starre ich wieder auf die Schuhe meines Vordermannes... Schritt vor... Einatmen... „Ich schaff den Gipfel!"... Anderer Fuß nach vorne... Ausatmen... „Ich bin stark!".
Vor uns ziehen nur noch zwei kleine Gruppen den Berg hinauf, deutlich an ihren Lampen zu erkennen. Edwin und John stimmen immer wieder Lieder an, die sie singen oder summen, um uns etwas abzulenken und den Berg ‘gnädig’ zu stimmen. Ansonsten reden wir nur sehr wenig. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Mein Puls, den ich hin und wieder messe, ist permanent zwischen 120 und 140.
Nach dem Geröllfeld beginnt eine leichte Felskletterei. Jetzt müsste doch bald Gillman's Point kommen! Man glaubt, gleich hat der Weg ein Ende, da erhebt sich aus der Dunkelheit ein neuer Schatten. Schließlich, pünktlich zu Sonnenaufgang, erreichen wir Gillman's Point auf genau 5.715 m Höhe. Der Sonnenaufgang ist fantastisch. Wir sind total euphorisch.

Auf der anderen Seite des Kraters sehen wir Uhuru-Peak. Ein Katzensprung, denke ich. Aber Vorsicht, das sind noch ca. 180 Höhenmeter. Erstaunt stellen wir fest, dass das Wasser in unseren Flaschen gefroren ist. Ich trinke trotzdem und esse ein Stück Schokolade. Das war ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte.
Ich habe meine Stöcke ausgezogen und gehe nun mit ihnen durch den Schnee weiter. Der Weg fällt zunächst etwas ab, bevor er hinter Stella-Point wieder leicht bergauf geht. Verdammt, diese Steigung spüre ich enorm. Jede Steigung in dieser Höhe verlangt von mir das Letzte ab. Ich atme schwer durch den Mund ein und aus und muss mehrfach stehenbleiben und mich auf meine Stöcke stützen.
Nach einer halben Stunde treffen wir auf 2 Amerikaner, die offensichtlich über eine andere Route aufgestiegen sind. Sie beenden gerade ihre Pause und gehen hinter uns. Wir kommen zum vorletzten längeren Anstieg (Scharte). Hier muss ich eine Pause machen, und ich merke, dass Frank S. ebenfalls schwer atmet und über die Pause ganz froh ist. Frank H. will unbedingt weiter. Er hat hier bereits stärker werdende Kopfschmerzen, wie ich später erfahre. Mein Kopfweh hält sich in Grenzen, trotzdem nehme ich noch eine Aspirin zu mir.

Links von uns erhebt sich eine gewaltige Eiswand, die sich bis zum Uhuru-Peak hinzieht. Gigantisch! Auf dem letzten Teilstück begegnen wir 2 weiteren Amerikanern, die bereits auf dem Rückweg sind. Der eine deutet an, dass es nur noch 60 m hinter der vor uns liegenden Felsengruppe sind. Als wir jedoch die Felsengruppe passieren, stellen wir fest, dass es noch mindestens 200 m auf einem immer noch leicht ansteigenden Pfad sind. Ich atme schwer ein und aus und denke, 'das nimmt gar kein Ende mehr'.

Gegen 8.05 Uhr erreichen wir den Gipfel. Ich bin völlig erschöpft und bekomme Tränen in die Augen. Frank S. filmt mich dabei. Meine Gefühle sind schwer zu beschreiben. Mir wird klar, dass ich jedes Ziel erreichen kann, wenn ich will. Das tut dem Selbstbewußtsein unheimlich gut. Für mich ist nichts unmöglich! Gleichzeitig weiß ich, das schafft nicht jeder. Aber es steckt ja auch eine ganze Menge Arbeit und Vorbereitungszeit darin. Ich spüre den Puls des Lebens!
Unmittelbar kommt mir der Gedanke, dass ich ja auch wieder hier runter muss. Ein langer Rückweg liegt noch vor uns. Meine Kopfschmerzen nehmen zu. Ich nehme wieder eine Aspirin. Der Ausblick über den Reuschkrater und ein weites Wolkenmeer unter uns ist fantastisch. Diese Augenblicke am höchsten Punkt Afrikas werden wir in unserem ganzen Leben nie wieder vergessen. Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein, machen ein paar Fotos und gehen wieder zurück. Viel später in Arusha lese ich einen Text, den Frank S. auf einige Postkarten geschrieben hat: „Wir haben the Roof of Afrika bestiegen! Unsere Körper mussten unvorstellbare Schmerzen ertragen, aber ebenso unvorstellbar schön, war der Moment, als wir mit Tränen in den Augen den Gipfel erreichten." Er drückt das aus, was auch ich denke. Noch heute, da ich diese Zeilen schreibe, beschleicht mich, bei dem Gedanken an diese Minuten, ein gigantisches Gefühl der Freiheit und Zufriedenheit.




