Ich kann fliegen




Von Gert Richter

Ich hab 'nen Armani-Anzug, und eine Seidenkrawatte, rot, schick, die hab ich aus Thailand mitgebracht letztes Jahr. Wir wohnen ein bißchen weiter oben, in den Bergen, schön gelegen. War günstig, das Grundstück, und das Haus ist ein Fertighaus, aber das sieht man ihnen ja nicht mehr an heutzutage. Meine Frau, Katharina heißt sie, aber sie mag den Namen nicht, sie will, daß wir sie Katja nennen, ist Kindergärtnerin, aber jetzt, wo wir selber die Kleinen haben, geht sie natürlich nicht mehr arbeiten, sie hat ja genug zu tun. Silke ist vier und Ralphi sechzehn Monate, aber er weiß schon genau, was er will, oh ja. Ich arbeite bei - naja, ich will ja keine Schleichwerbung machen, aber die Firma kennt wirklich jeder, und ich meine: jeder, weltweit. Wir sind im Marketing, ein gutes Team, wirklich, tolle Ideen und so, und wir bringen schon so einiges.

Mein Kollege hat auch 'nen Armani-Anzug, aber der ist älter als meiner. Als er ihn zum ersten Mal ins Büro anhatte, da hatte er doch wirklich noch das Etikett am Ärmel, der Dubsel. Aber unsere Sekretärin hat gesagt, "Ich mach' dir das mal ab, Bertram," und er war ganz nervös, daß sie auch kein Loch reinschneidet. Er fährt 'nen BMW, ich auch, übrigens, aber seiner ist ein Sechszylinder. Seine Frau ist Malerin oder so, manchmal macht sie Ausstellungen mit ihren Freundinnen im Garten und im Hobbyraum, und wir sind dann auch immer zur Vernissage eingeladen und die anderen auch von der Abteilung. Katja hat mal ein Bild von ihr kaufen wollen, aber mir war es zu teuer und zu düster irgendwie, da hat sie es dann gelassen. Kinder haben sie auch, ein Mädchen, das immer mit einer Zahnspange herumläuft. Sie wohnen ein Dorf weiter von uns, in so einer Art Siedlung. Die Häuser sind sich alle ähnlich, mit dunklen Balken wie Fachwerkhäuser, aber es sind natürlich keine richtigen alten Eichenbalken, sondern mehr Dekor.

Mein Chef trägt auch Armani, aber vom Feinsten. Ich glaube, der fährt immer extra nach Mailand oder so. Er hat ein silbernes Mercedes Coupé, hinten so ein Notsitz - "da muß ich meine Schwiegermutter nicht mitnehmen," hat er mal gesagt und gelacht dabei. Er ist echt gut, kann was, sieht gleich, was Sache ist, und steht auch voll hinter dem Team. Verlangt auch was, ist ja klar. Vollen Einsatz. Er hat uns einmal eingeladen, in seine Wohnung, gleich hier unten am See. Achter Stock, ein traumhafter Blick, seine Eltern haben sie ihm zur Hochzeit geschenkt, glaube ich. Sechs Zimmer, und am besten ist die Dachterrasse. Voller Pflanzen. Sogar Rasen hat er angepflanzt! Ich sagte, man könnte Tennis spielen hier oben, aber "wir sind ja nicht in New York", hat seine Frau geantwortet. Sie ist so eine Dünne mit Brille, blond, an der Uni, Dozentin für Kieferorthopädie. Sie hat übrigens die Zahnspange von der Tochter von meinem Kollegen gemacht. Ich mag sie nicht so besonders, ich finde, sie hat keinen Humor, und sie hat immer so große Augen mit der Brille.

Wir machen gerade ein neues Projekt. Also, mein Chef hat mir die Projektleitung übertragen, diesmal, und das ist schon eine spannende Sache. Es war ja auch meine Idee, also, ich habe sie mitgebracht von unserer International Creative Product Development Conference in Madrid letztes Jahr. War super da, ziemlich heiß, aber in Madrid, man spürt eben die movida. Sie haben tolle Frauen in Madrid, aber sie schauen einen nicht an. Nicht einen Blick. Jedenfalls, meine Idee war, daß wir unser lead product, so eine cream body soap - also, ich sage den Namen jetzt natürlich nicht - mal im Testlabor ein bißchen gecheckt haben. Unser Design-Team hat verschiedene Varianten gemacht, länger, dicker, dünner, runder, ovaler und so, eine Testrange aus 12 Mustern. Das ist ziemlich teuer, weil alle von Hand hergestellt werden müssen, in ganz kleinen Serien, aber wie will man das sonst testen? Dann haben wir über unsere Marktforschung Testwäscherinnen gesucht, aber nicht irgendwen, sondern sauber nach Quoten, gleiche Verteilung wie unsere Zielgruppe. Ich wollte ja ein größeres Sample, aber mein Chef hat gesagt, das wird zu teuer, dreißig müssen erstmal reichen. Das stimmt ja auch.

Jedenfalls hat sich herausgestellt, daß Design M, eine schlanke, eher elliptische Form mit so einer Art Griffrillen, der absolute Renner ist. 62 Prozent haben sie unter die ersten drei gewählt, und das nächste Muster kam nur auf 46. Ich finde, wenn das nicht deutlich ist!

Aber jetzt kommt der eigentliche Punkt: Die M-Form enthält 3,7 Prozent weniger Seife als der Typ, der heute verkauft wird! Ich habe die Zahlen so genau im Kopf, weil wir gerade die Präsentation für den Vorstand vorbereiten, mein Kollege und ich: Er macht die Charts mit den Absatzprognosen, während ich die Gegenüberstellung von Umstellungskosten und Materialeinsparung ausarbeite. Da hängt ja was dran - neue Formen für die Maschinen, neues Packungsdesign, eine knackige Werbekampagne, Promotions, das ganze Pipapo, aber unterm Strich - zur Zeit verkaufen wir rund 1 Million Tonnen Seife weltweit, und 3,7% Ersparnis macht - naja, das kann sich ja jeder selber ausrechnen, daß man da nicht lange auf den break even warten muß, oder?

Wenn ich zur Zeit vor der Tagesschau nach Hause komme, kann ich von Glück sagen. Es ist einfach unheimlich viel los, die ganzen Meetings und so. Mittags gehe ich immer am See spazieren, wenn schönes Wetter ist, oder ich setze mich auf den Balkon vor unserer Cafeteria im zwölften Stock. Ich höre die Amsel so gerne, die in der Zeder vor unserem Büro singt.

Letzten Sonntag hat meine Frau am Abend, da hatte sie wieder ein Glas Wein getrunken, rumgenörgelt, warum ich immer so spät komme und so. Die Kinder würden ja gar nichts von ihrem Vater haben, und eigentlich wäre sie ja fast eine alleinerziehende Mutter und die ewig alte Leier. Als ob ich nicht selber früher nach Hause kommen wollte! Aber das ist der Job, verdammt, und das Haus steht schließlich mit 380.000 Mark zu Buch, glaubt sie denn, daß mir die Bank die Hypothek erläßt? Wir haben schon so oft darüber gesprochen, aber irgendwie will sie das nicht kapieren. Als hätte ich eine Wahl.

Früher, sagt sie - ja, früher. Weiß ich selber, daß da alles anders war. Ich bin gern in den Wald gegangen, hab die Vögel beobachtet, ganz früh am Morgen. Jede Art hat ihre Zeit, wann sie zu singen anfängt. Manchmal, auf der feuchten Wiese, habe ich die beiden Reiher gesehen, wie sie so majestätisch einschweben. Das geht so leicht bei denen. Wie von selbst.

Ich würde gerne mal mit wem drüber reden. Mit Bertram vielleicht, aber das wäre natürlich schön blöde von mir. Manchmal habe ich das Gefühl, daß er ein bißchen neidisch auf mich ist. Ich weiß, das klingt unlogisch, aber ich habe nun mal das Gefühl. Ich denke, daß er nur auf eine Gelegenheit wartet, um links an mir vorbeizuziehen. Aber das ist wahrscheinlich nur Einbildung, obwohl, eigentlich habe ich immer ein ganz gutes Gespür gehabt.

Zum Beispiel, als er eine Freundin hatte. Ich hab mich schon gewundert, daß er immer Anrufe bekommt und sich dann wegdreht zur Wand, damit man nicht sieht, wie es ihm peinlich ist. Ich glaube, er wollte sie loswerden, aber sie klebte ziemlich an ihm dran. Man kann ja nicht verstehen im Großraumbüro, was die anderen am Telefon sagen. Das haben sie echt gut hingekriegt mit der Akustik. Aber man sieht ja trotzdem, was los ist, ob der Chef dran ist oder einer aus der Marktforschung oder eben privat. Ich hab's ihm auch auf den Kopf zugesagt, aber er hat natürlich so getan, als wäre gar nichts. Dabei, mir könnte er es doch sagen.

Mein Chef hat den besten Platz im Büro. Wir sind im achten Stock, und er hat eine 16-Quadratmeter-Ecke mit vier Fenstern. Zwei gehen auf die Zeder - seltsam, einen Baum von oben zu sehen -, die anderen haben eine traumhafte Aussicht über den See mit den Bergen am anderen Ufer und den schneebedeckten Gipfeln. Ich sitze weiter weg, innen am dritten Quergang. Nur gut, daß ich nicht seinen Schreibtisch habe! Ich käme überhaupt nicht zum Arbeiten. Ich würde nur runterschauen auf den See und die Berge und mir vorstellen, wie es wäre, wenn ich fliegen könnte.

Das hatte ich schon als Kind. Es fing an mit einem Traum. Wir wohnten im dritten Stock, und vor meinem Fenster stand eine Birke. Im Traum flog ich langsam um die Birke herum. Es war wie Rückenschwimmen, so ein ganz sanftes Paddeln in der Schwerelosigkeit. Dann habe ich gemerkt, daß ich steuern kann und überall hinfliegen, wo ich will. Ich bin dann in den Park geflogen, erst ziemlich tief, und dann immer höher hinauf. Und dann weiß ich nicht mehr. Jedenfalls habe ich mich am nächsten Morgen an diesen Traum erinnert, ganz genau, und am Abend habe ich versucht, den Flug nochmal zu träumen. Aber es ging nicht. Ich hab mich nicht getraut.

Ein paar Jahre später bin ich mal durch New York geflogen, so richtig zwischen den Wolkenkratzern durch. Das war auch toll, nicht so sanft wie beim ersten Mal, sondern richtig aufregend. Und zum Schluß bin ich wieder ganz hoch hinauf geflogen, bis in die Wolken, und das war's dann. Dort habe ich mich aufgelöst.

Seitdem versuche ich es immer wieder. Fliegen ist mein sehnlichster Wunsch. Manchmal ertappe ich mich, daß ich den Atem anhalte im Schlaf, und dann erschrecke ich richtig und wache mit einem Ruck auf.

Gestern hat mich mein Chef zu sich gerufen, und weil gerade zwei Japaner dagewesen waren und geraucht hatten, hatte er sein Fenster aufgemacht. Man konnte die Amsel hören, wie sie ihr Lied sang. Das heißt, wahrscheinlich konnte nur ich sie hören, denn mein Chef hat dann das Fenster gleich zugemacht, mitten im Lied. Das fand ich unnötig. Jedenfalls hat er sich meine Charts angesehen gehabt und fand sie "zu vordergründig". Also, was das wohl heißen soll? Er hat ziemlich schlechte Laune gehabt, und so konnte ich ihn nicht fragen. Bertram weiß auch nicht, was der Chef damit meint. Außerdem hat er jetzt keine Zeit, hat er gesagt.

Letztes Jahr, in Thailand, bin ich mal mit einem Gleitschirm geflogen. Ein Motorboot zieht einen in die Luft, und dann fliegt man in einer langen Kurve über das Meer zum Strand zurück. Das war ganz gut, aber es ist natürlich nicht dasselbe.

Gerade hat meine Frau angerufen: Silke ist von der Schaukel gestürzt und aufs Gesicht gefallen. Sie hat sich die Vorderzähne ausgeschlagen, und jetzt muß sie ganz dringend mit ihr zum Zahnarzt, und ob ich nicht kommen und auf Ralphi aufpassen kann? Ich habe ihr gesagt, wie sie sich das denn vorstellt, und sie soll schnell dranbleiben. Wahrscheinlich übertreibt sie wieder, wie immer. Ich bin dann 'rüber zu meinem Chef, der war gerade frei, und habe ihn gefragt, aber der hat mich nur so komisch angesehen und die Schultern hochgehoben und wieder fallengelassen. Da bin ich zurück zum Telefon und habe Katja gesagt, daß es wirklich nicht geht und sie soll die Nachbarin fragen. Sie hat einfach den Hörer hingeknallt. Das hat mir ehrlich leid getan, aber was soll ich denn machen? Ich kann doch nicht einfach wegrennen hier, oder?

Ich hatte einen Schnitt von 2,8. Nach dem Zivildienst habe ich Betriebswirtschaft studiert. 10 Semester, Regelstudienzeit. Obwohl ich nebenbei immer gejobbt habe. Alles mögliche. Flohmarkt. McDonald's. Waschmaschinen ausliefern, als Beifahrer, das hab ich immer gern gemacht. Obwohl, manchmal war das schon hart, in den zweiten Stock und kein Fahrstuhl. Aber wir waren zu zweit, und das ging dann. Und zwischendurch saß man ja lange im Auto und hatte nichts zu tun. Bei McDonald's stank man abends immer so nach dem Frittenfett.

Meine Diplomarbeit habe ich über Pricing-Modelle geschrieben. Das fand ich interessant, wie der Preis für ein Produkt zustande kommt. Wieviel kann man für ein Stück Seife nehmen? Vor allem, wenn man alle die Faktoren bedenkt, die da noch mitspielen, von der Herstellung über die Distribution bis zu Rabattabmachungen mit dem Handel. Obwohl, in der Praxis sieht das natürlich alles ganz anders aus. Das habe ich hier sehr schnell begriffen. Was man an der Uni lernt, das interessiert hier doch kein Schwein.

Mir ist so heiß. Der Arzt hat gesagt, das ist der Streß. Er hat mir Tabletten verschrieben, so weiß-rote Kapseln. Ich nehme sie ja auch, aber nicht immer. Da wird einem so dumm im Kopf. Und manchmal eben so heiß. Aber meistens helfen sie schon.

Meine Frau sagt auch, ich sei jetzt viel besser verträglich als vorher. Nur der Chef meint, in letzter Zeit hätte ich weniger Biß als früher. Irgendwie hat er recht. Aber was soll ich denn machen?

Ich muß mal kurz an die frische Luft. Bertram, hast du gehört? Er nickt nur. Nachher weiß er wieder von nichts, wenn der Chef fragt.

Ich fahre in den zwölften Stock, zur Cafeteria. Ich gehe auf den Balkon und schaue hinunter. Man hat einen wunderbaren Blick. Die Amsel singt so schön.

Meine Frau hat Höhenangst. Katja könnte nie hier stehen. Ihr würde schwindlig, und sie - aber natürlich würde sie gar nicht erst hierherkommen. Mir macht das nichts aus.

Auf dem Geländer sitzen zwei Krähen. Als sie mich sehen, fliegen sie mit gespreizten Schwingen fort. Ich folge ihnen mit den Blicken. Wenn ich doch nur fliegen könnte wie sie! So leicht. Schwerelos.

Ich kann sie kaum noch sehen, die Krähen, hinten am Horizont.

Eigentlich bräuchte ich ja nur meine Flügel auszubreiten und loszulassen. Und dann würde ich auch schweben. Wie im Traum. Sanft bis zur Zeder und auf den See hinaus.

Die Amsel singt ihr Lied.

Einfach schweben. Einfach auf das Geländer steigen und die Flügel ausbreiten und schweben. Ich weiß, daß ich das kann. Das ist doch ganz einfach. Ich habe das schon getan. Auf einmal bin ich ganz sicher. Man spürt den Moment.

Ich steige jetzt auf das Geländer. Hier, da kann ich mich halten.

Aber wozu denn? Ich brauche mich nicht zu halten. Ich breite meine Flügel aus und - ich fliege.