Wie man Freunde gewinnt

Eine Stunde später fährt ein Cadillac vor. Nicht mehr ganz neu, aber mit Platz für all unser Gepäck auf dem Rücksitz. Der Kofferraum ist nämlich schon voll, mit dreckiger Wäsche. John, dem dieses Ungetüm von einem Auto gehört, ist blond, seit einer Woche nicht rasiert, ein richtig netter Mensch und Besitzer eines Mobiltelefons. Das hatte geklingelt, neben dem Pool, an dem er gerade seinem Wochenende frönte.
Im allerletzten Moment - die Kinder hatten schon angerufen, wo Mama denn so lange bleibt - war Madame eingefallen, dass sie ab Montag einen Leihwagen hätte. Einen? Mindestens zehn - aus dem Kontingent des Reisebüros, in dem sie unter der Woche arbeitete. Oui, oui - jedes Reisebüro hat so ein Kontingent. No problem. Nur müssten wir halt die Zeit bis Montag irgendwo herumbringen.
Vielleicht in einem Hotel? "Mais non, Monsieur! Wir 'aben doch eine Convention! Es ist nichts mehr frei!"
Nun, für Freunde findet sich immer ein Plätzchen. Und für Freunde von Freunden natürlich auch. Und da wir, wer hätte das gedacht, neuerdings die Freunde von Madame sind, holt uns John jetzt ab. Er wohnt ein ganz klein bißchen außerhalb, so um die fünfzig Kilometer vom Flughafen entfernt, fast ganz am nordwestlichen Ende von Oahu, wo die Surfer surfen, wenn die Wellen hoch genug sind.
Was heißt hier: Zimmer - John hat Appartements frei, gleich mehrere davon, und nicht nur zu mieten. Wir hätten sie auch kaufen können, wenn wir gewollt hätten. Wochenweise; "time sharing" nennt man das, und im Prinzip handelt es sich um einen gigantischen, wenn auch völlig legalen Betrug. Man erwirbt also ein Appartement für die besten Wochen des Jahres, macht ein bißchen kostenlosen Urlaub darin und vermietet für die restlichen Tage. Dieses Vermieten bringt so viel ein, daß man damit locker den Kauf finanziert. So kann man also Urlaub machen, Eigentum erwerben, reich werden und obendrein noch Steuern sparen.
Diese Theoriestunde hält John auf der gut eine Stunde langen Fahrt ab. Pflichtschuldigst zählt er alle Vorteile auf. Aber er glaubt wohl selbst nicht recht daran. Wie könnte er; er wohnt ja da.
Und wie er wohnt! Ein zwei Meter hoher Maschendrahtzaun, Sicherheitspatrouillen, ein Wachhäuschen mit einem schwergewichtigen Privatsheriff inklusive geladenem 45er im Holster, Schranke über die Straße und Nachsehen in der Liste, ob John auch ein registrierter Bewohner ist. Wir werden säuberlich eingetragen, als Freunde auf Besuch. Dann dürfen wir rein.
Eine verwinkelte Straße führt in ein mehrstöckiges Parkhaus. Es ist zu dunkel, zu eng, zu niedrig, wie alle Parkhäuser dieser Erde. Warum hören Architekten nie auf ihre Frau?
Diesem Architekten jedenfalls ist seine wohl weggelaufen. Er muß die ganze Wohnanlage in einem Anfall tiefster Depression geplant haben, mit Wutanfällen auf die ganze Menschheit vermischt. Sein Werk ist von erbarmungsloser Scheußlichkeit: lauter Schuhschachteln aus Beton, hundertfach nebeneinander und dreimal übereinander gestapelt, in gelber und rosa Billigfarbe gestrichen. Während wir die endlosen Außenbalkons entlanglaufen, die alle Appartements miteinander verbinden, werden wir schon mal ferienmäßig eingestimmt: Aus halbgeöffneten Luken dringen die intimeren Geräusche von Leuten unter der Dusche oder auf dem Klo. Fernsehen läuft allenthalben. Manchmal brät sich einer was in altem Fett. Wo, um Himmels willen, sind wir hier nur hingeraten?
Unser Appartment ist voll möbliert und mit allem ausgestattet, damit man sich sofort heimisch fühlen kann. Sogar der Mülleimer ist voll. Im Badezimmerschränkchen findet sich alles, was andere Leute so gebraucht und nicht weggeworfen hatten, igitt. Wenigstens der Kühlschrank ist leer, wenn auch nicht sauber, und das Bett scheint frisch bezogen zu sein. Ich wäre sonst allen Ernstes auf die Idee gekommen, John hätte uns in die Wohnung von Leuten gestopft, die mal kurz übers Wochenende weggefahren sind.
"Warum gebt Ihr mir nicht gleich die 98 Dollar, die wir ausgemacht hatten?" fragt John, nachdem wir die Balkontüre aufgemacht und erstmal tief Luft geholt hatten. Nun ist eine solche mit "warum" eingeleitete Frage ja bekanntlich keine Frage, sondern eine unmißverständliche Aufforderung zur Tat. Man antwortet darauf nicht etwa: "Wie käme ich dazu, im Voraus zu zahlen?" Mitnichten. Das wäre ein böser Fauxpas, vor allem unter Freunden, die wir doch jetzt sind. Die richtige Reaktion ist, begeistert "Why, sure!" zu rufen und eine Kreditkarte zu zücken.
Wieder falsch: John möchte gern Bares. Nix Plastik. Richtiges, echtes, grünes Geld, direkt am Finanzamt vorbei. Dafür gibt es als Quittung ein unleserliches Gekritzel auf einem gelben Klebezettel von der Sorte, die man anderen Leuten ans Telefon pappt. Ja, lieber Herr Steuerprüfer, ich weiß, ich weiß: Sie können das nicht anerkennen. Das ist kein ordnungsgemäßer Spesenbeleg. Wie recht Sie doch haben! Ich hätte auch lieber ein ordnungsgemäßes Hotelzimmer gehabt, mitten in Waikiki, für die Hälfte Dollar, auf Kreditkarte und mit einer ordnungsgemäßen Rechnung aus dem Computer. Vielleicht klappt es ja beim nächstenmal?
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