Big Convention

Die Convention ist ein Stammesritual der postmodernen Industriegesellschaft. Vor allem multinationale Unternehmen mit etlichen zigtausend Mitarbeitern halten dieses Zeremoniell für absolut unentbehrlich, um Kultur und Kampfgeist ihres Stammes zu fördern. Alle großen und kleinen Häuptlinge sowie verdienstvolle Krieger im Innen- und Außendienst reisen aus den entlegensten Stammesgebieten an.
Seit Wochen hat man sich darauf vorbereitet, jeder auf seine Art; Memos und Meetings waren die Waffen, mit denen sich die Delegierten ihre Teilnahme erkämpften. Endlich, endlich ist es dann so weit: Flugzeuge werden gechartert, das Tamtam dröhnt, man strömt zum Festplatz, feierlich gewandet und bemalt, mit großen Buttons versehen: "We do our best" in schwungvoll und groß, klein darunter: Teresa Miller, Regionalverkaufsleiterin Südwest Mitte. Es geht zu wie auf der Balz, Gestelze und Genicke, Schulterpatschen und Gelache, Drinks und Visitenkarten. Man versichert sich gegenseitig seiner Wichtigkeit, bastelt an alten Fronten und neuen Koalitionen, palavert heiß und hitzig, ficht taktische Grabenkämpfe aus, nimmt an öffentlichen Hinrichtungen teil, huldigt dem Big Chief aus der Ferne und lächelt, bis die Kiefer knirschen.
Und abends wird getanzt.

So eine Convention verbraucht problemlos einige tausend Hotelzimmer, nebst Leihwagen, Konferenzzentren und Gastronomie. Big Business also. Honolulu lebt davon, vor allem in der Nebensaison. Gut 35.000 Hotelzimmer wollen schließlich gefüllt sein, Nacht für Nacht. Und wenn der offizielle Teil vorbei ist, hängen alle noch ein Wochenende dran - privat, wo einen keiner findet, eine Insel weiter. Auf Maui.
Und deshalb gibt es keine Leihwagen mehr. Und keine Hotelzimmer. Wir hätten vorher buchen sollen.
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