Das Wunder von Chartres


Die Gegend ist bretteben dort, völlig dunkel, und man fährt im Blindflug in ein schwarzes Loch.
Auf einmal taucht ein vager Lichtschein auf, ein Strahlen in der Nacht, weit entfernt noch, irgendwo im Himmel, eine Handbreit über dem Horizont. Wir kommen aus Paris, mit dem Auto. Es ist fast Nacht inzwischen, und wir haben noch gut zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer. Was kann das Strahlen sein? Chartres?
Aus der endlosen Ebene erhebt sich völlig unvermittelt ein Hügel, 140 Meter hoch, ein Kegel mit steilen Flanken. Und oben, ganz oben, als wäre es noch nicht genug, fast nochmal so hoch, die Kathedrale: Notre Dame de Chartres.
Man läßt unten sein Auto stehen und steigt die verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gäßchen hoch, immer höher, immer weiter. Kalt ist es und dunkel und ein bißchen unheimlich. Ein Dutzend Katzen versperren den Weg. Etwas Feuchtes klatscht auf die Strasse. Eine alte Frau kichert irre und klappt ihr Fenster zu, daß es klirrt. Die Katzen stürzen sich auf ihr Futter und fauchen sich an und schreien wie gefoltert.

Und dann biegt man um eine Ecke und steht direkt davor und es verschlägt einem erst mal die Sprache.
Diese Kathedrale ist - Wenn es Worte dafür gäbe, hätte man sie nicht aus Stein bauen müssen. Sie ist überwältigend, riesig, schön, macht das Herz weit, den Kopf still. Sie tröstet und gibt Kraft. Ich möchte heulen und lachen und tanzen und beten und bin demütig und dankbar, am Leben zu sein. Chartres ist einer der wirklich magischen Orte dieser Erde.
Eine seltsame Geschichte ist hier geschehen. Es ist jetzt fast genau 800 Jahre her: Chartres brannte lichterloh. Im Jahre 1194 war das - im tiefsten Mittelalter. Der ganze Ort brannte, der ganze Hügel, die Häuser, der Marktplatz, die Schänke - alles war ein einziges Flammenmeer. Am schlimmsten war, daß auch die Kirche in hellen Flammen stand. Sie haben versucht zu löschen, zu retten, was zu retten war, aber niemand konnte helfen, niemand etwas tun. Man hat den Feuerschein am Himmel bis Paris gesehen.
Als das Feuer aus war, Tage danach, herrschte tiefste Verzweiflung. Alles verbrannt, alles verloren. Die ganze Stadt am Ende. Von der Kirche standen noch ein paar Mauerreste, das Königsportal nach Westen zu. Ansonsten: Verkohlte, rauchende Trümmer. Die Männer redeten nicht mehr, schauten sich nicht mal mehr an. Die Kinder versteckten sich hinter ihren Müttern. Die Luft war voller Asche.
Doch unter den ausgeglühten Steinen, in der Krypta - die Marienstatue, eingehüllt in den Schleier der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. Alles verbrannt, nur diese Reliquie blieb erhalten? Dies war ein Zeichen. Ein Wunder war geschehen.
Die Nachricht von der Feuerkatastrophe verbreitete sich in Windeseile durch ganz Europa. Chartres in Flammen? Chartres? Um Gottes Willen!

Von überallher trafen Spenden und Geschenke ein. Ein Feldzug gegen England wurde abgebrochen, einfach so, weil man das Geld für den Wiederaufbau von Chartres brauchte. Die Bauern in der Umgebung verließen ihre Felder und schirrten ihre Ochsen an, um Steine aus dem Steinbruch herzukarren. Von weit her kamen Freiwillige, um zu helfen, tagelang, monatelang, ohne Lohn zu erwarten.
Die Kathedrale von Chartres gehört zu den größten Bauwerken, die jemals auf der Erde existiert haben: 130 Meter lang, bis zu 46 Meter breit, über 36 Meter hoch, die Türme sogar über 100 Meter. Der Architekt - sein Name ist vergessen - muß ein Moderner gewesen sein. Von tragenden Wänden wollte er nichts wissen; die gesamte Masse sollte auf ein paar Spitzbögen ruhen... Nun gut, in Paris hatte man das schon ausprobiert, aber ob das wohl halten würde? Eine verdammt gewagte Konstruktion.
Ein Jahr nur braucht der Architekt für die gesamte Planung. Mit was für einer Bauzeit man wohl rechnen müsse? Er wird mit den Schultern gezuckt haben - ein Menschenleben vielleicht? Oder zwei?
Innerhalb eines Jahres ist der Schutt weggeräumt; sollte man das noch erhaltene Königsportal nicht auch abreißen? Wäre es nicht einfacher, alles neu zu machen?
Nein, sagte der Baumeister, wir integrieren das Alte in das Neue. Wir sind nicht hier, um zu zerstören. Das kann der Teufel tun. Wir betonen dieses alte Portal sogar noch und bauen Türme an seine Seite. Und wir stocken die Westfront auf und bauen eine neue Rosette, 14 Meter Durchmesser, über das alte Portal. Abends, wenn die Sonne untergeht, scheint sie durch das Fenster und erfüllt die ganze Kathedrale mit rotem und blauem Licht, mit Leben und mit Stille, mit Tag und mit Nacht.

Und wenn wir schon dabei sind: Die Fenster ringsum an den Wänden sollen die Bibel zeigen, von Adam und Eva bis zu den Aposteln. Wir werden Gottes Wort in Bildern aus Licht verkünden!
Also schmolzen sie Glas und mischten es mit kostbaren Substanzen; Kobalt aus böhmischen Minen ergab ein wunderbar tiefes Blau. Gab man noch Mangan dazu, bekam man Purpur. Sie machten Zeichnungen in Originalgröße, so um die drei Stockwerke hoch, schnitten paßgerechte Stücke aus dem farbigen Glas und löteten sie mit Bleistreifen zusammen. Was wird so ein Fenster wiegen? Sie hatten keinen Kran; sie zogen sie mit der Hand hoch, mit Flaschenzügen. 30 Jahre lang arbeiteten sie an dieser Bilderbibel aus 173 riesigen Fenstern, die Söhne neben den Vätern.
Wie stolz müssen sie gewesen sein! Schau, dort, der Petrus - den habe ich gemacht. Und sein roter Umhang, der ist von deinem Großvater. Und diesen Bogen, den hat der Bruder deiner Mutter gemauert. Dort oben, siehst du, wo die Schwalbe fliegt?
Und da stehe ich, in Chartres, in diesem Wunder an Zielstrebigkeit und Zusammenarbeit über Zeiträume hinweg, die wir nicht mal denken können. Und ich wünschte mir, auch wir würden endlich unsere Kathedrale finden - ein Werk, das uns eint: Väter und Söhne, Mütter und Töchter, Nachbarn, Freunde, Feinde.
Wenn's geht, ohne daß es vorher brennt.



