Die Landschaftsmalerin


Eines Tages, so um den 8. herum, als der liebe Gott fertig war mit Himmel und Erde und sogar zwei Menschen geschaffen hatte, da sah Er, dass es gut war. Und da Er sich langweilte, beschloss er, sich ein Hobby zuzulegen. Seine Wahl fiel auf die Landschaftsmalerei, und weil Er gerade keine Leinwand zur Hand hatte, nahm Er einstweilen jene Gegend zum Malgrund, die wir heute Kastilien nennen.
Wie nicht anders zu erwarten, geriet Ihm das auf Anhieb so meisterlich, dass Er sich schon nach kurzer Zeit wieder langweilte und anderen Dingen zuwandte - den Alpen oder so. Trotzdem lag Ihm sein Erstlingswerk weiter am Herzen. Daher pflanzte Er den Menschen, die dort wohnen, einen natürlichen Sinn für Schönheit ein. Und seitdem gibt es keine Bauern mehr in Castilla y La Mancha. Denn was immer sie auch tun, ob sie pflügen oder säen, ob sie ernten oder die Stoppelfelder abbrennen: In Wirklichkeit sind sie nichts weiter als Landschaftsmaler.
Man muss die Autobahn schon verlassen, um das richtig sehen zu können. Schmale, knapp einen Traktor breite Wege führen irgendwo hin. Sie sind auf keiner Karte verzeichnet; es bleibt nichts übrig, als sich ihnen anzuvertrauen. Sie haben tiefe, längst ausgetrocknete Querrinnen, durch die das Regenwasser schiesst, wenn es denn mal regnet. Steine und Schlammkrusten sind alles, was vom letzten Wolkenbruch im Frühjahr übriggeblieben ist.

Ein rotes, trockenes Feld bis an den Horizont. Ein einsamer Baum. Und eine Frau in der Ferne, die aufgeregt winkt und ruft und losrennt, auf uns zu, mitten über den Acker. Sie wirbelt eine Staubwolke auf. Was will sie?
"Señor! Señor!" Sie ist ausser Atem, so ist sie gerannt. Wir sollen mitkommen, sagt sie. Sie muss uns etwas zeigen. Was denn? Sie schüttelt unwillig den Kopf. Wir schauen uns an. Ob wir wirklich? Doch, unbedingt! sagt sie. Und sie geht einfach los, eilig, und wir fahren im Schrittempo hinter ihr her.

Zehn Minuten später erreicht die seltsame Karawane aus vorauseilender Frau und langsam zockelndem Auto ein Gehöft - bröckelnder Putz, Gerümpel im Hof, eine geborstene Tonne, ein alter Renault mit platten Reifen. Eine jüngere Frau im gelben Pulli kommt aus dem Haus, hinter ihr ein Mann mit Golfmütze, kariertem Pullover und einem Hemd mit langen Kragenspitzen. Sie sehen uns skeptisch zu, wie wir aussteigen. "Meine Tochter," sagt die Frau. "Und mein Mann."
Wir stehen ein bisschen verlegen herum. Man gibt sich die Hand. "Mi madre," sagt die Tochter leise und entschuldigend. Es ist ihr peinlich. "Den Fotoapparat," sagt die Mutter eifrig. "Bringen Sie Ihre Kamera!"

Sie geht voraus, macht die Tür zu einer alten Scheune auf, winkt uns, dass wir folgen sollen. Es ist dunkel hier und riecht muffig, ein bisschen verschimmelt. Sie stapft eine roh gemauerte Treppe hoch, ohne Geländer. Ich taste mich an den Hohlblocksteinen der Wand entlang und halte mich an der Kamera fest. Das tue ich immer, wenn ich nicht so recht weiss.
Wir sind oben. Es ist still und warm und modrig und man sieht fast nichts; nur durch eine Plastikplane an der Decke dringt ein wenig dämmriges Licht. "Da," sagt sie. "Schauen Sie! So etwas haben Sie noch nicht gesehen!"
Endlich gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Der ganze Dachboden dieser Scheune ist bedeckt mit dicken Paketen aus schwarzer Plastikplane. Und aus diesen Paketen quillt an manchen Stellen ein weissliches Zeug - "Pilze!" sagt die Frau stolz. "Wir züchten Pilze!"

Und sie bringen sie in Madrid auf den Markt. Eine Delikatesse! Die teuersten Restaurants kaufen ihre Pilze. Oh ja! Man nimmt Strohballen, erfahre ich, umwickelt sie mit schwarzer Plastikplane, bringt die Pilzkultur ein und wartet. Wenn die richtigen Bedingungen herrschen, entwickeln sich die Pilze prächtig. Dunkel muss es sein, nicht zu feucht und nicht zu trocken. Gerade richtig - so wie hier.
"Mi madre," sagt die Tochter noch einmal verlegen, als wir wieder unten sind. "Sie ist ein bisschen - " und sie tippt sich an die Stirn.
Aber das finde ich nicht. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil.



