Burning Man Festival in Nevada

Text: Sandra Prüfer
Fotos: Nicole Schweda
Donnerstag - Anreise und Kulturschock
"And it burns, burns, burns, the ring of fire..." Voller Vorfreude trällern wir den guten alten Johnny-Cash-Song. Bei jedem Schlagloch gluckern die auf dem Rücksitz gestapelten Wasserkanister dazu im Takt. Zwei Gallonen pro Person und Tag empfiehlt der Survival-Guide, den Nicole und ich zusammen mit den Eintrittskarten per Post erhielten. "Das Überleben ist eine Frage der persönlichen Entscheidung", heißt es darin außerdem. Deshalb haben wir gleich ein halbes Dutzend mehr gekauft. Nördlich von Reno ist der schnurgerade Highway unser. Als wir uns der Black Rock Desert nähern, staut sich jedoch der Verkehr. Die bepackten Trucks und Wohnmobile erinnern an einen Flüchtlingstreck. Dem Schild "Black Rock City" folgend, biegen wir ab in eine Mondlandschaft. Der Autowurm versinkt in einer Staubwolke, aus der schemenhaft eine in Beduinentücher gehüllte Gestalt auftaucht, die uns bei Burning Man willkommen heißt. Die Tickets löst er gegen einen Stadtplan ein, auf dem Straßennamen und Camps eingezeichnet sind.Das im Halbkreis angelegte Zeltlager besteht aus 430 Themen-Camps, von Alien Abduction Camp bis Zulu Zone, die zum Verweilen und interaktivem Erlebnis einladen. Von Camp zu Camp wechselt die Musikfarbe - mal grooviger Funk, fernöstliche Meditationsmusik oder ohrenbetäubender Techno. Angelockt vom relaxten Jungle Beat aus der "Spiral Oasis" suchen wir in der 12th Street ein freies Plätzchen. Schon beim Zeltaufbau schließen wir Freundschaft mit unseren Nachbarn Steve und Alfonso, die uns mit Taschenlampen leuchten und Tequila zur Begrüßung reichen. Berühungsängste hat hier keiner. Selbst der wenige Meter entfernt auf einem Autodach im Jogasitz versunkende nackte Mann bietet uns sein Haschischpfeifchen an. Unsere trockenen Kehlen dürsten nach Bier, so daß wir uns lieber auf die Suche nach einer Bar begeben. Auf dem Weg zum Center Camp stellen wir fest, daß sich die Bewohner nicht nur zum Meditieren ihrer Kleidung entledigen. Ständig umgeben von entblößten Körpern, wird die zur Schau getragene Freizügigkeit bald unspektakulär. Alle paar Meter eröffnet sich eine neue Attraktion. Im "Tie-Me-Up-and-Tickle" Camp läßt eine Frau, vor Freude jauchzend, eine Kitzelfolter über sich ergehen. Kurz darauf landen wir im "Human Wash", eine Autowaschanlage für Menschen, wo wir unsere Körper durch eine Installation aus Bürsten, Schwämmen, Pinseln und Lametta schieben. Wir bekommen Gänsehaut.

Schwindelnd vor Reizüberflutung stolpern wir in die Star Dust Lounge. Auf meine Bestellung erwidert der Barkeeper trocken: "Was hast Du zu bieten?" Großes Fragezeichen. "Du mußt hier 'bartern'," flüstert ein Jüngling im Tangaslip mir ins Ohr. Sein Cocktail habe er mit Zitronen bezahlt. Ich wühle in meiner Hosentasche, finde drei Stifte, die ich in einem Fastfood-Restaurant geklaut habe und dem Kellner triumphierend präsentiere. Er ist unnachgiebig und verlangt mehr. Einen Kuß? Burning Man ist eine Tauschgesellschaft. Außer Eisblocks und Espresso kann man nichts mit Geld erwerben. Über die Tage werden wir uns zu richtigen Verhandlungskünstlern und immer mehr Phantasie bei den Tauschgeschäften entwickeln.

Vamos a la playa! In Begleitung unserer Barbekannschaft Mike setzen wir die nächtliche Erkundungstour fort. Vom Hauptplatz führt ein langer Boulevard hinaus auf die Playa. Am Ende thront der hölzerne Burning Man, der nachts im pinkrotem Neon leuchtet. Geboren wurde er vor zwölf Jahren am Strand in San Francisco. Burning-Man-Vater Larry Harvey hatte damals eine Midlife-Krise und heftigen Liebeskummer. Die Verbrennung der drei Meter großen Holzfigur war für den Landschaftsarchitekten ein Akt der persönlichen Wiedergeburt. Ein paar Freunde gesellten sich dazu. Dieses Jahr kamen 15.000. Seit 1990 findet die jährliche Verbrennung der inzwischen 15 Meter hoch gewachsenen Statur in die Wüste statt.
Am sternenklaren Himmel fliegt ein Feuerwerkskörper Richtung Milchstraße. Mike schlägt vor, bei "Bianca's Smut Shack" vorbeizuschauen. Weil Bianca uns alle so sehr liebt, hört ihre Party niemals auf. Zur Disco-Musik werden Käseschnittchen gereicht. Durch das Labyrinth aus 45 Sofas bahnen wir uns den Weg zur Tanzfläche. Angezogen von einem Menschenauflauf machen wir Halt an einem überdimensionalen Bett, auf dem sich verknäulte Körper wälzen. Eine Gruppen-Sex-Nummer? Ich bin verwirrt. "Das ist nur eine Performance," beruhigt mich Mike, während er eine John-Travolta-Persiflage aufführt.
Freitag - Fellini meets Mad Max
30 Grad am Morgen. Schweißgebadet krieche ich aus dem Zelt. Ob ich auch so seltsam geträumt habe, fragt Nicole. Ich reibe mir die Augen. Kein Traum. Da ist er wieder: Der Yogi auf dem Autodach. Die geballte Kreativität der Teilnehmer - 'Keine Zuschauer' heißt das Motto - hat uns in einen Sog gezogen, so wie Kinder in eine Märchenwelt eintauchen. Gestärkt vom Nescafe-Bananen-Frühstück setzen wir unsere Reise durch das Wunderland für Erwachsene fort.Eine surreale Begegnung folgt der nächsten: Ein motorisiertes Sofa kommt angetuckert. Der Fahrer verteilt die "Black Rock Gazette", eine der beiden Lokalzeitungen. Ein Mann im Schottenrock mit Pferdeschwanz am Hintern stolziert auf Stelzen über die Playa, gefolgt von Mister Showerman, der eine Duschinstallation auf den Schultern balanciert und uns zu einer Abkühlung einläd. Die öffentliche Dusche darf dagegen nur nach vorherigem Schlammbad benutzt werden. Eine gemächlich schaukelnde Kamelkarawane mit grazilen barbusigen Reiterinnen zieht vorbei. Dann nähert sich in bedrohlichen Schlangenlinien ein silberner Haifisch mit beweglichen Flossen. Wir flüchten vor dem Art-Mobil in die nahegelegene Minigolfanlage, wo wir uns hinter dem rosa Pappmachee-Popo-Hindernis verstecken. Unsere Haut hat inzwischen den gleichen Ton angenommen. Glücklicherweise entdecken wir nach der Runde Minigolf eine Clinton-Holzattrappe, die als Sonnenlotion-Spender dient. Als ich mir aus dem erigierten Penis eine Portion abpumpe, unterrichtet uns der Erbauer, daß alle Inflagranti-Fotos konfisziert und an Sonderermittler Starr geschickt werden. Es ist inzwischen Mittag und glühend heiß, so daß wir seiner Vorladung auf ein kühles Getränk im Schatten ohne Widerworte Folge leisten.
Starrs spleeniger Ermittlungsgehilfe entpuppt sich als Burning-Man-Oldie. Unter seinem Zelt aus Fallschirmseide erzählt uns der Automechaniker aus Portland (Oregon) von alten Zeiten, damals als das Festival noch klein und familär war. "Jetzt fliegt schon das deutsche Fernsehen ein", entrüstet sich der Althippie in einer Schimpftirade auf die Medien und das Establishment. Ich versinke mehr und mehr im Klappsessel. "Nicht Burning Man, sondern das normale Leben außerhalb ist absurd." Zur Presse haben auch die Organisatoren ein zwiespältiges Verhältnis. "Vieles, was unter dem Deckmantel journalistischer Objektivität läuft, ist tatsächlich professionelle Entfremdung," sagt Festivalgründer Larry Harvey im Pressetext. Leider würden manche Berichterstatter ein paar Bilder schießen, wieder abdampfen und dann alles auf Sex und Drogen reduzieren.

Burning Man ist wie ein Double-Feature im Kino. Der Zuschauer taucht, ähnlich wie in Woody Allens "The Purple Rose of Kairo", ins Geschehen auf der Leinwand ein und wird selbst zum Teil der Geschichte. Tagsüber kommen wir uns vor wie am Drehort eines Fellini-Films. Die Akteure sind albern bis skuril, kostümieren und bemalen sich, spielen Zirkus und Straßentheater. Ein beständiger Besucherstrom flaniert oder radelt über die Playa (Black Rock City ist autofrei), um den wechselnden Happenings beizuwohnen und den verstreuten Kunstinstallationen seine Aufwartung zu machen.
Mit der Dunkelheit wandelt sich die Atmosphäre. Die Wüste brennt. Selbst die Kunst paßt sich der veränderten Kulisse an. "The One Tree", eine Kupferskulptur, aus deren Ästen tagsüber Wasser auf die Besucher regnet, trägt nachts flammende Früchte. Nicht weit davon hat die Gruppe "Seemen" ihre feuerspuckenden Eisenkreaturen aufgestellt. Als postindustrielle Volkskunst bezeichen die Künstler aus San Francisco ihre brutalen Roboter-Installationen. Wir befinden uns jetzt in einem Mad Max Movie. Feuerspucker, Musiker und Tänzer formieren sich zu archaisch-wilden Prozessionen. Die Sandpisten werden zum Laufsteg für Drag-Queens, Leder-Fetisch-Liebhaber und Gruftis.
Die Menge sammelt sich zur "Electric Parade". Hunderte haben sich mit phosphorisierenden Ketten und Weihnachtslichtern behangen. Jim Fox, der sich als Cyber-Versace vorstellt, hat zur Feier des Tages seinen "Jumping Jack Flash Suit" angezogen, während seine Begleitung einen blinkenden BH trägt. Fox fragt, ob wir seine batteriebetriebene Cyberbrille ausprobieren wollen. "Völlig ungefährlich", versichert er, als er den Plastikring auf meine geschlossenen Lider plaziert. Die Geschwindigkeit der bunt flackernden Lichter kann ich über einen Handregler steuern. Ich bin berauscht vom psychodelischen Lichtspiel, das sich hinter meinen Augen abspielt. So stelle ich mir einen LSD-Trip vor. Verrückt. Als ich die Brille wieder absetze, gallopiert ein blaues Lichterpferd mit Reiter (bzw. Fahrrad) an uns vorbei. Noch verrückter. Bevor sich die Parade in Bewegung setzt, ergattere ich einen Hocker in der motorisierten Freiluftbar. "Wie Sankt Martin, nur statt Bonbons gibt es Cocktails", proste ich dem Barmann zu, der nichts versteht, aber trotzdem lacht. Als Gegenleistung bringe ich ihm deutsches Liedgut bei: "Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir..."
Samstag - Wüstensturm und Opera
Die Sonne zeigt Erbarmen und hat sich hinter weißen Wolken verzogen. Wir nutzen die Gunst der Stunde, um in die Berge zu wandern. Die Salzkruste auf dem aufgerissenen Boden sieht aus wie Rauhreif im Winter. Nach zweistündigem Marsch gelangen wir zum Fuß der kahlen Bergkette, die vom Zeltplatz so nah erschien. Wir kraxeln auf einen Felsen, von wo aus uns die Wüste zu Füßen liegt. Sie ist unendlich weit, öde und schön. In der Ferne flackert ein silbriger Halbmond im grellen Sonnenlicht. Black Rock City gleicht einer Fata Morgana. Schweigend genießen wir die Stille, bis ein Donner zum hastigen Aufbruch bläst. Unbemerkt hat sich hinter uns eine dunkle Gewitterfront aufgebaut.
Der Sturm legt los, als wir das Festivalgelände erreichen. Der Wind reißt die ersten Zelte aus den Leinen. Mit jedem Atemzug schlucken wir eine Ladung Staub. Der Sand brennt auf der Haut, als ob wir mit Sandpapier abschmirgelt würden. Ein Einmaster auf Rädern, der volle Kraft voraus über den ausgetrockenten See segelt, gerät außer Kontrolle. Von einer Böe erfaßt, kracht das Boot in den "Temple of Rudra", Schauplatz der heute Nacht angesetzten gleichnamigen New-Age-Oper. Fünf Segler werden beim Aufprall von Bord gerissen und verletzt. Die Playa verwandelt sich in eine Desasterzone. Aus dem Nichts kommt der Ambulanzwagen angebraust. Peppe Ozan, der argentinische Opern-Regisseur, ist am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Naturgewalt droht das Werk seiner einjährigen Arbeit zu vernichten. Halbverschluckt vom Staub sieht er aus wie Rumpelstilzchen in slow motion.
Geschockt verlassen wir den Ort des unwirklichen Geschehens und flüchten in unser Zelt, das zum Glück noch steht. Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei ist und das Camp wie von einer Schlammlawine überrollt. Die Freiluft-Oper wird aufgrund höherer Gewalt auf drei Uhr morgens verschoben. Derweil spielt eine Band zum Samba auf. Das Schöne an Burning Man ist, daß sich immer etwas besseres auftut, wenn man etwas anderes verpassen sollte. Pünktlich zum verspäteten Opernbeginn ist der Boden wieder trocken.
Opulent wie in einer klassischen Aida-Inszenierung ziehen Hunderte Artisten in die Arena ein. Sollen die von Sklaven auf Bahren getragenen exotischen Schönheiten Rudra geopfert werden? Die Handlung bleibt mysteriös. "Aum Namai Rudra... Shiva, Shiva, Shiva", schmettert der Chor im Wechsel mit tausenden Zuschauern in die Nacht hinein. Abgesehen von Akrobatikeinlagen einzelner Jongleure hat das Musiktheater den Charme einer gelungenen Laienaufführung. Cirque de Soleil im Voodoo-Zauber. Die Ballettruppe tanzt sich in Ekstase. Zum Finale geht der Tempel in Flammen auf. Im Jubel der Menge fällt Turm auf Turm in sich zusammen. Nur der letzte und vierte bleibt wie ein monströses Phallussymbol stehen.
Sonntag - The Burning
Am Morgen leihen wir uns Räder aus, um bislang unerforschtes Burning-Man-Terrain zu erkunden. Wir starten die Tour mit der Suche nach meinem "soul mate". Das Foto und die Adresse eines gewissen JC Hartford hatte ich am Vortag in der Seelenverwandschaftsagentur von Rico Thunder erhalten, nachdem ich einen Dada-Fragebogen ausgefüllt hatte. Feierlich überreichte mir Rico meinen Match, den er via Satellit hergestellt habe. Im Zeltlager von "Green Tortoise" (alternativer Busreiseveranstalter) werde ich fündig. "Hey JC, da ist eine Verrückte, die behauptet, mit Dir in Seelenkontakt zu stehen," ruft mein Informant indiskret in die Frühstücksrunde. Ich laufe knallrot an. Der Mann vom Foto begrüßt mich mit einem breiten Grinsen, das sein Augenbrauen-Piercing neugierig aufhüpfen läßt. Wir verabreden uns auf einen Aperitif am Abend.Ich brauche eine Abkühlung. Wir haben die Wahl zwischen dem "Tempel der Wassergöttin", wo wir uns in Kinderplantschbecken suhlen könnten, oder der "Antarctica", ein auf zehn Grad heruntergefahrener Kühllastwagen mit Hiphop-DJ. In der trockenen Variante machen wir es uns auf einem Sofa solange gemütlich, bis wir frieren und uns mit heißer Schokolade wieder aufwärmen müssen. Danach radeln wir durch "Drano", eine Parodie auf Reno mit Wedding-Chapel, wo Frischverliebte Schlange stehen.

In der nächsten Kapelle finden keineTrauungen, sondern Dichterlesungen statt. Die "Chapel of the Burning Book" ist aus buntem Plastikmüll und -spielzeug gebaut. Wir bewundern die kunstvollen Mosaike und entdecken altbekannte Gesichter aus der Sesamstraße. "Das Gemeinschaftswerk ist jenseits dessen, was wir uns erträumt hatten", freut sich Finley Freyer, Galleriebesitzer und Initiator des Projekts. Sechs Monate lang haben seine Freunde und Nachbarn aus Dunsmuir, eine Kleinstadt in Nordkalifornien, den Recycling-Müll gesammelt.
Vor dem Burning sind wir aufgeregt wie vor der Bescherung, damals als wir noch an den Weihnachtsmann glaubten. Es ist Vollmond. Aus allen Richtungen strömen die Menschen hinaus auf die Playa. "Burn him, burn him", gröhlt eine Gruppe frenetisch im Chor; "Burn the Motherfucker", ein einzelner. Plötzlich wird der Himmel von einem Feuerwerk erhellt. Aus dem weißen Rauch tritt eine gelbe Silhouette hervor. Der Mann, er brennt schon.

Die Flammen klettern in Windeseile an ihm hoch. Als der Mann lichterloh brennt, hebt er beide Arme gen Himmel empor. Sein letztes Aufbäumen. Funken sprühen. Der erste Arm fällt, dann der zweite. Magisch angezogen vom Feuer rennen wir los. Bevor wir das Epizentrum erreichen, kracht die Figur zusammen. Wie die Pilgermasse in Mekka kreist die Menge um den Scheiterhaufen. Wildfremde Menschen umarmen und küssen sich. Sie lachen, kreischen, tanzen im Freudentaumel. Nicht nur Kunstwerke werden den Flammen geopfert. Viele werfen symbolisch Dinge ins Feuer, um sich von Dämonen und Ängsten zu befreien. Tom Cappel zum Beispiel seine Kreditkarte und Bargeld: "Spontan überkam mich der Impuls, meine verdammte Fixiertheit aufs Geld loszuwerden", lacht der 25jährige Büroangestellte aus San Francisco. "Ich stelle gerade meine ganze Existenz in Frage und fühle mich großartig." Die Trommeln heizen die Stimmung weiter auf.
Die Luft knistert vor Erotik. Ich tanze so wild wie nie zuvor in meinem Leben, zusammen mit einem Unbekannten. Im Rhythmus der Percussion verselbständigen sich die Körper. Ich spüre nur noch die Musik und das Feuer in mir. Mein Tanzpartner trägt lange Rastalocken. Begattungstanz mit Afro-Touch. Ich weiß nicht, wie lange wir so herumwirbeln. Irgendwann sind wir außer Atem und fallen uns überglücklich in die Arme. Als ich mich artig verabschiede und in die Dunkelheit entschwinde, blickt mein bezaubernder Tänzer mir traurig hinterher. Der Prinz hat seine Cinderella verloren.

Wie in Trance folge ich dem grünen Laserstrahl am Himmel und renne Alfonso in die Arme. Statt der goldenen Kutsche kommt ein silbernes UFO angerollt. Wir wollen per Anhalter durch die Galaxis fliegen, aber die Außerirdischen setzen uns schon an der nächsten Bar wieder ab. Das Bier tauschen wir gegen unsere letzten Schokoriegel.
Montag - Abreise und Kulturschock
Der Mond leuchtet am blaurosa Himmel mit der aufgehenden Sonne; die Farben verschmolzen wie in einem Aquarell. Die meisten Festivalbesucher brechen früh morgens nach dem Burning ihre Zelte ab. Alfonso und Steve sind schon auf dem Weg nach Los Angeles. Vor dem Aufbruch sammeln wir Kippen, Flaschen und herumfliegende Plastiktüten ein. Es gehört zur Philosophie des Festivals, keine Spuren in der Wüste zu hinterlassen.
Wir machen einen Umweg über den nahe gelegenden Lake Pyramid im Paiute-Indianerreservat. Der von kargen Bergen umrahmte See ist ein mystisches Wunder der Natur, sein Ufer übersät mit fantastischen Felsformationen. Nach dem Bad im azurblauen Wasser fühlen uns wie neu geboren. Wir haben unser Wüstenabenteuer nicht nur über-, sondern ausgelebt. Burning Man ist kreativ und destruktiv, futuristisch und primitiv, und anregend banal. "Hier draußen kann jeder alles aus sich herauslassen", hat Larry Harvey am Samstag dem Festivalvolk zugerufen. Er ermunterte die Zuhörer, jeden Tag so zu leben, ließ aber offen, wie der Rest der Gesellschaft damit klar kommen soll. Egal. Vorläufig wollen wir den Zauber noch nicht wieder hergeben.

Unsere Autorin Sandra Prüfer hat nach einem Publizistik-Studium im Studio Babelsberg und bei UFA TV und Film Produktion gearbeitet. Jetzt ist sie freie Journalistin und lebt mit ihrem Mann, einem Buschpilot, in Alaska. Dieses Bild ist beim Burning-Man-Festival am Sonntag aufgenommen worden.
Unsere Fotografin Nicole Schweda hat in Aachen Graphik-Design studiert und lebt und arbeitet jetzt in Köln als freie Grafikerin und Fotografin.



